Jul 15

Nach einer kurzen Nacht am Einstieg des South Branch treffen wir uns nochmals kurz mit Charlie, der uns ein kurzes Briefing gibt. Er erzählt von unzähligen Stufen um die drei Meter, einem kurzen Box Canyon, der sehr schwer einsehbar ist, einigen höheren Stufen und zwei Highlights. Einem Fall mit dem Namen „99 Problems“ sowie einem Abschlussfall mit 17m Höhe. Zum Thema 99 Problems fügte er hinzu: „Im sure you will recognize it.“ und lachte. Zum Abschluss gab er uns noch den Tipp die Gruppe aufzuteilen, da es großteils nur sehr kleine Kehrwässer gibt. Also lassen wir den Locals den Vortritt, die zweite Gruppe bilden Pirmin, Matti und ich, Gruppe drei setzt sich aus Kalti, Chris, Egger und Timo zusammen.

Etwas nervös steigen wir in unsere Boote. Als ich mich von der Kiesbank abdrücke gehen mir haufenweise Fragen durch den Kopf. Was wenn man den Canyon nicht scouten kann? Macht der Regen das Granitgestein vielleicht so rutschig dass scouten und umtragen sehr gefährlich oder gar unmöglich wird? Werden wir ausreichend Kehrwasser zum Aussteigen finden? Warum zur Hölle heißt der eine Fall „99 Problems“?

Die ersten Paddelschläge auf einem kalifornischen Klassiker lassen die anfangende Nervosität jedoch bald verfliegen. Die ersten zwei Meilen schlängelt sich der Fluss durch ein schmales Kiesbett in mitten der amerikanischen Wildnis. Häufig wird das anfangs noch recht ruhig fließende Wasser durch kleinere Katerakte und Stufen im dritten und vierten Schwierigkeitsgrad unterbrochen. Wenige Stellen waren nicht aus dem Boot einzusehen und mussten vom Ufer aus beurteilt werden. Nach einer guten halben Stunde einpaddeln ändert der Fluss schlagartig seinen Charakter. Diesen Wechsel markiert ein fünf Meter hoher Wasserfall mit „Kicker“. Dieser Kicker beschleunigt das Boot nach vorne, so dass es unten flach im Unterwasser auftrifft. Von nun an sin Kiesbänke und Katerakte passé. Schlag auf Schlag geht es über einige kleinere Stufen mit kniffligen Anfahrten zum besagten Canyon. Wir erinnern uns an Charlie, der meinte wir sollen immer Mittig fahren und Vollgas geben. Aus dem letzten Kehrwasser sah alles aber ganz anders aus und ich beschloss mich durch den Wald zu schlagen um aus 30 Meter Höhe einen Blick hinein zu werfen. Charlie hatte recht – alles mittig mit viel Schwung. Ich kletterte zurück zum Kehrwasser, berichtete Pirmin und Matti von meinen Erkundungen und los ging es. Waren zwei große Walzen durchbrochen, galt es weiter am Stock zu ziehen und eine kleine Doppelstufe mit enormen Walzen zu bewältigen. Im Ausgang schnellstmöglich ins Kehrwasser auf der rechten Seite, um nicht unter den quer liegenden Baum getrieben zu werden. Wenige später erwartet uns der erste hohe Wasserfall. Ein acht Meter hoher Fall mit einer Abrisskannte als hätte die Natur hier eine Wasserwage zur Hilfe genommen. Die einzige Crux ist ein Baum der die Einfahrt versperrt. Also führt der Weg durch im Wasser stehende Büsche über ein kleines Kehrwasser oberhalb des Falls. Aus diesem Kehrwasser geht es über ein Prallpolster bis zur Abrisskannte. Ein gezielter Boofschlag mit flacher Landung führt hier zum Ziel. Ich fahre als erster, bringe mich mit der Kamera in Stellung und warte auf die Anderen. Inzwischen sind haben wir die Gruppen zusammengewürfelt und sind wieder zu siebt unterwegs. Während ich noch am fotografieren bin, höre ich von hinten Timos lauten Freudenschrei beim Blick auf die nächste Stelle. Ein absolutes Sahnehäubchen wie aus dem Bilderbuch. Eine kleine Rutsche mit zwei Meter Gefälle geht mit einer absolut geraden Abrisskante in einen fünf Meter Fall über. Kalti fährt als vorletzter und reißt sogar ein Freewheel über diesen Traumabfall. Meine Blicken gehen weiter Flussabwärts und es sind nur Abrisskanten zu sehen – eine nach der Anderen. Als letzter befahre ich diese Stelle, während die ersten schon wieder die nächste Stelle anschauen. Es geht Schlag auf Schlag. Inzwischen ist die Zeit schon fortgeschritten und wir bemühen uns etwas schneller aber dennoch sicher voran zu kommen. Es folgen einige Stufen bis wir an einem Punkt stehen wo noch drei Stufen zu sehen ist und anschließend eine gewaltige Abrisskante. Wir stellen fest, dass wir unmittelbar vor „99 Problems“ stehen. Die Einfahrt zum 99er – wie wir ihn nannten – bildet eine sechs Meter hohe Stufe bei der es gilt 90 Grad „um die Ecke“ zu springen. Ein winziges Kehrwasser oberhalb des zwölf Meterhohen 99ers lässt nochmals Zeit zum Verschnaufen. Unmittelbar vor der Abrisskannte führt die Ideallinie seitlich in eine große Walze um mit einem gezielten Schlag das Boot im korrekten Winkel auszurichten und zwölf Meter in die Tiefe zu stürzen. Auf halber Höhe touchiert man eine schräge Felsplatte die von der rechten Seite in den Fall ragt. Schlägt man kurz darauf im Pool unterhalb auf, sollte schnellstmöglich das große Kehrwasser auf der linken Seite aufgesucht werden, da die Hauptströmung direkt in die nächste Stelle zieht.

In diesem Moment bin ich mir meiner Sache 100% sicher und ich beschließe als Erster zu fahren. Ich erwische genau die Ideallinie, treffe die Steinplatte an der richtigen Stelle und schieße unten aus dem Fall heraus und finde mich im geplanten Kehrwasser wieder. Ich bin erleichtert. Matti ist sich seiner Sache auch sicher und fährt als zweiter. Andere haben noch etwas überlegt und es sich nochmals genau angeschaut. Schlussendlich sind alle erfolgreich gefahren. Im Anschluss an die nächste Stelle verschwindet der Bach in der Tiefe. Es geht etwa 30 Meter über einen unfahrbaren Wasserfall in den nächsten Pool. Etwa eine Stunde kostet uns das Abseilen der Boote. Einen Felsenstart direkt unterhalb des Falls in dessen abfließendes Wasser kostet etwas Nerven, ist aber problemlos möglich. Als letzter steige ich hier ein und treffe ein Kehrwasser weiter auf die anderen die mich anlachen als stände was Großes bevor. Ja, wir sind fast am Ende angelangt. Ein Wasserfall und 17 Höhenmeter trennen uns vom Ausstieg. Wir sind am letzten Highlight des Baches angekommen. „Ein absoluter Nobrainer, brauchst gar nicht anzuschauen“ ruft mir Matti zu. Ich steige dennoch aus und betrachte den gewaltigen Fall. Ein absolut sicher befahrbarer Wasserfall mit einer Abrisskante, die genau im richtigen Winkel abbricht und ein großer Pool unterhalb charakterisieren das 17 Meter hohe Monster. Ich steige linksufrig ein paar Meter ab und suche eine gute Position zum fotografieren. Einer nach dem Anderen stürzt sich herunter, ich bilde dabei das Schlusslicht. Auch wenn der Fall nicht schwer zu befahren ist, fordert er aufgrund der Höhe einige Opfer. Zwei Paddel mussten daran glauben und eine Spritzdecke konnte dem Wasserdruck nicht stand halten.

Glücklich und zufrieden aber dennoch ziemlich fertig erreichen wir nach acht Stunden den Ausstieg. Von hier an noch eine Stunde über einen steilen Waldweg die Boote nach oben tragen und wir sind wieder am Auto. Wir sind uns alle einige dass dieser Bach definitiv zu den Top 10 Bächen jedes einzelnen gehört. Der Bach war so beeindruckend dass wir zwei Tage später wieder zurückgekehrt sind um das Ganze nochmals mitzuerleben. Nach unserer Rückkehr nach Oroville finden wir uns mal wieder beim McDonalds ein, da es hier kostenloses Internet gibt, was uns die Planung deutlich erleichtert.

Die nächste Station heißt wieder South Silver, in der Hoffnung dass dieser inzwischen weniger Wasser führt und fahrbar ist.

Bilder: Matthias Karl, Flo Fischer

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